Gedanken zum Tag

Als ich junge Mutter war, habe ich die Zeit mit meinen Kindern zwar genossen, aber im Hinterkopf hatte ich immer die Anforderungen, die noch auf Erledigung warteten: einkaufen, Predigt schreiben, Wäsche waschen, Taufgespräch. Mit meiner Enkeltochter kann ich heute stundenlang einfach nur dasitzen, Hühner beobachten, einen Stein an Laternenmasten als Klanginstrument ausprobieren oder in einem Bilderbuch nach dem Papagei suchen – und es drängt mich nichts, ich habe nicht mal eine Armbanduhr um. Das ist Lebensglück, stressfrei, so wie es Menschen wohl erst ab einem gewissen Alter genießen können. Da wächst eine Gelassenheit, die Jüngere schlicht nicht haben, weil sie auf Erfahrung fußt. Und der Sinn des Lebens bekommt eine neue Dimension, die du früher nicht mal geahnt hast. Wer alt werden darf, erlebt viel Neues, es bleibt spannend! Gerade erst hat eine Studie gezeigt, dass die Quote der Menschen, die nach dem Sinn des Lebens fragen, stetig sinkt. (…) Wer keinen Sinn im Leben sucht, denkt wohl auch nicht an Endlichkeit. Und wenn es keinen Sinn gibt, ist auch Trauer nicht angesagt. (…) In einer ökonomisierten Gesellschaft gibt es dafür keinen Raum und keine Zeit. Älterwerden hilft auch, diese Räume zu suchen und sich die Zeit zu nehmen.

Entnommen aus: Margot Käßmann „Das Zeitliche segnen. Voller Hoffnung leben, in Frieden sterben“, Adeo Verlag, Aßlar 2014

Quelle: Gedanken zum Tag