Des Dada Lamas Suche nach dem verlorenen Sinn

cover_tbt4Unweit vom wiedervereinigten Berlin liegt in östlicher Richtung, kurz vor der Grenze zu Polen, das Oderbruch. In einem der dort gelegenen kleinen Dörfer hat ein stadtneurotischer Freund vor sieben Jahren aus Gründen der Eigentherapie einen Bauernhof aus dem 19. Jahrhundert gekauft, auch wenn der Begriff eher stark untertrieben ist – fast geschenkt hatte er ihn damals bekommen. Ein Haupthaus mit 120 qm Wohnfläche nebst einem ehemaligen Fachwerk-Stallgebäude und einer großen Scheune und zwei kleinen Schuppen, die sich zusammen um einen verwilderten großen Innenhof gruppieren, der ein verwildertes Biotop mit einigen Schatten spendenden Bäumen ist. Dort jubiliert jetzt Tag und Nacht eine unermüdliche Nachtigall, die mir anfangs etwas den Schlaf raubte. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier und gewöhnt sich an vieles. Der ehemalige Bauernhof liegt an der Straße nach Altreetz und ihm gegenüber liegt auf der anderen Straßenseite der verwilderte Friedhof, auf dem keine Menschen mehr beigesetzt werden. Er ist bereits „voll“ mit Verstorbenen aus dem 20. Jahrhundert belegt, ein Friedhof ohne Friedhofsordnung und dementsprechend verwildert. Die Natur hat dort wieder ihr angestammtes Recht eingefordert und einen harmonischen Zustand geschaffen, den meine Seele liebt. Als Kontrast zum Friedhof befindet sich auf der Stirnseite des über 2000 qm großen Grundstückes ein Jungbullenstall, die sich tagsüber vor dem Stallgebäude aufhalten und einander notgedrungen homoerotisch bespringen. Aber das geschieht eher leidenschaftslos und aus der Not heraus geboren. Mein Freund ist mit seiner Pianistenfreundin bereits wieder nach Berlin zurückgekehrt und ich halte hier derweil allein bis zum kommenden Wochenende die Stellung und faste. Fasten reinigt bekanntlich Körper und Geist, was ich für unabdingbar halte, will ich mich doch noch einmal neu erfinden. Am kommenden Sonntag werde ich für mich selbst unglaublich (unglaubwürdig?) 60 – in Worten: sechzig! – Jahre alt! Zwilling, Aszendent Schütze und nach dem chinesischen Horoskop (Feuer-)Hahn. Dieser Feuerhahn* gibt sich nur alle sechzig Jahre die Ehre und ich ward also 1957 im Jahr des Feuerhahns geboren und erlebe in diesem Leben letztmalig und erstmalig bewusst ein solches Feuerhahnjahr! Mit anderen Worten: Es hat eine unvergleichliche Erlebnisdichte, von der dieser Text hier Zeugnis ablegen soll. Übrigens ist meine jüngste Tochter Francesca-Anais, geboren 2005, ein weiblicher „Hahn“.

front-tbt-coverVor gut einer Woche, am make-believe „Himmelfahrtstag“ der christlichen Welt, der gleichzeitig als Herren- oder Vatertag mittels teils exzessiver Trunkenheit unchristlich gefeiert wird, hatte ich eine Begegnung der besonderen Art. Ich traf im Berliner Kiez Prenzlauer Berg, wo ich selbst einmal einige Jahre ansässig war, meine zweitälteste Tochter Anthea-Artemis wieder. Ich hatte sie zuletzt als neunjähriges Mädchen gesehen und war dann für viele Jahre nach Siebenbürgen gegangen und der Kontakt zu Mutter und Tochter war damit gänzlich abgebrochen. Jetzt war Anthea eine junge Frau, die noch dazu in erschütternder Weise ihrer schwedischen Mutter ähnelte. Mit ihr hatte ich eine weitere Tochter, die in Prag im Alter von drei Monaten verstorben war: Francesca-Anais. In Siebenbürgen habe ich dann eine letzte Tochter gezeugt, die den Namen von Anthea´s verstorbener Schwester bekommen hat. Die rumänische Mutter von Francesca-Anais hatte den Namen aus einigen meiner Namensvorschläge ausgewählt und nichts über die Geschichte dieses Namens gewusst. Später, als sie dann die Wahrheit wusste (aber nichts mehr machen konnte), war sie sehr erbost über diesen Umstand und sah anfangs ein böses Omen darin. Bei mir war es dagegen umgekehrt und bei den Inuit ist es Tradition, wenn ein Kind verstirbt, dem darauf folgenden Kind, so es das entsprechende Geschlecht hat, den Namen seines verstorbenen Bruders bzw. seiner toten Schwester zu geben.

Mein Berliner Freund wohnt mit seiner schwedischen Lebensgefährtin, einer Konzertpianistin, in einer Beletage mit Konzert-Flügel im Prenzlauer Berg und Anthea kam am Vatertag, welch seltsame Fügung, dorthin um mich zu treffen. Ich öffnete Anthea die Tür und sie überreichte mir lächelnd zwei Rosen – eine echte rote Rose und eine Pfingstrose. Wir umarmten uns und ein seltsames Gefühl nahm von mir Besitz – ich hatte es lange vermisst, so, als würde einem ein abgetrennter Körperteil zurück gegeben, der nun wieder anwachsen will. Vergleiche hinken, auch dieser, aber anders kann ich das Gefühl jetzt nicht beschreiben, auch das Gefühl jener unglaublichen Ähnlichkeit, die Anthea mit ihrer Mutter hat, erweckte ein seltsames Gefühl in mir, so, als würde ich eine Zeitreise machen zurück in die Vergangenheit und diese in die Gegenwart holen. Da saß sie, mein eigen Fleisch und Blut, und las uns dann zwei Stellen aus Hermann Hesse’s Siddhartha vor, ein Taschenbuch, das sie aus ihrer Handtasche geholt hatte und ihr augenscheinlich viel bedeutete. Die Textstellen handelten von der Sinnsuche, die Prinz Siddhartha durchlaufen musste um zum Buddha zu werden. Auch ich musste sie durchlaufen um dieses Buch schreiben zu können, welches ich später meiner Tochter gab. Würde ich es auch meinen anderen Töchtern geben können? Ich habe viele Verluste erlitten im Leben, und der Verlust an Menschenleben wiegt am schwersten! Aber manchmal, vielleicht wenn wir am wenigsten damit rechnen, kommen Menschen zurück zu uns, die wir als verloren oder für immer verschollen glaubten. In jeder neuen Begegnung liegt ein verborgener Sinn, wir müssen ihn nur entdecken und aufhören danach zu suchen. Da war sie nun, meine verloren geglaubte Tochter und sie war auf ihrer eigenen Sinnsuche, einem Pfad, den auch ich beschritten habe und auf dem ich noch immer wandle…

Eine Frage des Bewusstseins

back-tbt-coverNur wer über ein Bewusstsein verfügt kann folglich bewusst nach einem Sinn suchen. Bewusstsein und Sinn sind deshalb mit einander verknüpft. Wer sich also mit dem Sinn beschäftigt und versucht seinen persönlichen Sinn im Leben zu finden, der muss sich zwangsläufig mit dem Bewusstsein beschäftigen. Dies tun auch Forscher in allen Teilen der Welt, sie messen Gehirnströme und Neurotransmitter und versuchen aus den Ergebnissen die Urgründe dessen zu destillieren, was wir Bewusstsein nennen. Das mag auf der einen Seite logisch und vernünftig klingen, aber wie tief sich Forscher auch in das Innere unseres grauen Denkorgans vorarbeiten, sie finden in diesem drei Pfund schweren Wunderwerks aus Fett, Eiweiß und Wasser nur strukturierte Materie. Was aber das Wunder des Bewusstseins ausmacht, wenn wir eine rote Rose sehen und dabei wirklich Rot empfinden, wenn wir ein Klavierstück von Chopin hören und dabei eine tiefe Resonanz in uns mitschwingt, ist bis heute das Geheimnis der beseelten Natur, aus der wir letztlich entsprungen sind. Trotzdem bleiben wir ein Teil der Natur, auch wenn wir durch unser hochtechnisiertes Sein vielerorts bereits unter unserer eigenen Denaturierung leiden und diese als Sinnlosigkeit erfahren. Immer wieder stellt sich uns die Frage nach unserer Existenz, und wir müssen deshalb unser Sein immer wieder vom Bewusstsein her betrachten. Immerhin ist das Bewusstsein das Einzige, was letztlich wirklich real ist und was uns als Menschen ausmacht. Ohne Bewusstsein wären wir keine Menschen und lebten noch im Paradiesgarten des unbewussten Augenblicks, in dem Tiere bis heute leben. Problematisch ist jedoch die Unvergleichlichkeit unseres individuellen Seins wenn es zu unserem Bewusstsein kommt. Unsere Bewusstseinsinhalte und Empfindungen lassen sich nicht vergleichen, keiner weiß ob er das Rot der Rose so sieht und empfindet wie der Mensch, dem er diese Rose schenkt. Es könnte reine Konvention sein etwas als rot oder blau zu bezeichnen. Auch bei dem Klavierstück von Chopin könnte es so sein. Ursprünglich dachten Forscher der menschliche Geist ist ein Bündel aus Nervenzellen, die wir nur verstehen müssten, um den Geist verstehen zu können. Sie suchten den Urgrund des Bewusstseins in den pyramidenförmigen Großhirnstrukturen, d. h. in einer bestimmten Form der Synchronizität beim Feuern der Neuronen. Diese Sichtweise erwies sich aber als Holzweg. Vielleicht ist das Bewusstsein doch eine universelle Eigenschaft, so wie die Masse, die jedes einzelne Elementarteilchen von vornherein besitzt und also immer schon da war? Fraglich bleibt auch ob sich das Naturphänomen des Bewusstseins allein auf das Material von menschlichen Gehirnzellen beschränkt oder ob es nicht auch auf einem anderen Weg erreicht werden kann? Heute ist der Mensch bereits so vermessen sich an diesem göttlichen Projekt mittels künstlicher (Computer-)Intelligenz und einem daraus resultierenden Bewusstsein zu versuchen, ohne jedoch recht zu wissen wie dieser Trick Gottes funktioniert. Zuletzt sind wir wieder auf unser eigenes, zeitlich begrenztes Bewusst-Sein zurück geworfen, worin unsere menschliche Tragik begründet liegt; Und alle Versuche des Menschen diese Tragik unserer Conditio humana mittels Intelligenz, Welt- und Naturerkenntnis zu überwinden, dürften eitle Hoffart und Selbstüberschätzung bleiben. Wünschenswert wäre dagegen ein neues Bewusstsein gegenüber der Natur als Urmutter unser aller Existenz, ohne die wir nicht existieren können. Wir sollten dieser wunderbaren Natur deshalb mit einer neuen Wertschätzung gegenüber treten und sie als Menschheit achten, als göttliches Wunder in ihrer Ganzheit, um sie als lebenden Organismus und nicht nur aus Eigennutz zu erhalten.

9a500-frank2Mit herzlichem Gruß von unterwegs
(Flixbus mit WLAN-Verbindung)

yours frankly

Frank

 

* Chinesen in aller Welt begrüßen das Jahr des Hahns. Der Feuer-Hahn, der nur alle 60 Jahre vorkommt, gilt als Symbol für Optimismus, Innovation und Fortschritt. In China verkörpert er das neue Jahr, das nach dem traditionellen Mondkalender am 28. Januar beginnt.
Für die Chinesen ist das Neujahrs- beziehungsweise Frühlingsfest der höchste Feiertag und das wichtigste Fest des Jahres. Und weil nach der chinesischen Astrologie dieses Mal das Jahr des Hahns mit dem Element Feuer verbunden ist, sprechen die Chinesen vom Jahr des Feuer-Hahns – eine besondere Kombination, die nur alle 60 Jahre vorkommt.

 

Großes PS:

Subskriptionen (Buchvorbestellungen) können ab sofort per formloser E-Mail an einer der nachfolgenden Adressen erteilt werden: exit.travels@googlemail.com oder info@adelhaid.de
Vorbesteller erhalten als Beigabe (neben Signierung & Widmung) die kostenlose Beigabe, welche auf dem Buchrücken erwähnt ist.

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