Flaschenpost vom Dada Lama

perspektive[ahbblogger] Heute erreichte mich bereits am frühen Morgen eine Flaschenpost, die es wert ist hier eingeschoben zu werden.

 

DIE TATSACHE DER ÜBERFÜLLUNG

„Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde – sei es zum Guten, sei es zum Bösen – entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht. Da die Massen ihrem Wesen nach ihr eigenes Dasein nicht lenken können noch dürfen und noch weniger imstande sind, die Gemeinschaft zu regieren, ist damit gesagt, dass Europa heute in der schwersten Krise steht, die über Völker, Nationen, Kulturen kommen kann. Eine Krisis solcher Art ist mehr als einmal in der Geschichte eingetreten. Ihre Kennzeichen und Folgen sind bekannt. Sie heißt der Aufstand der Massen.
Zum Verständnis des ungeheuren Vorgangs ist es gut, dass man von vornherein vermeidet, den Worten ‚Aufstand‘, ‚Massen‘, ’soziale Macht‘ einen ausschließlich oder vorzüglich politischen Sinn beizulegen. Das öffentliche Leben ist nicht nur politisch, es ist zugleich, ja zuvor geistig, sittlich, wirtschaftlich, religiös; es umfasst alle Kollektivbräuche und schließt die Art der Kleidung wie des Genießens ein.
Wir nähern uns dieser historischen Entscheidung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug unserer Zeit herausheben, der ‚mit Augen zu sehen‘ ist.
Es ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne es die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden, die Cafés mit Besuchern; es gibt zu viele Passanten auf der Straße, zu viele Patienten in den Wartezimmern berühmter Ärzte; Theater und Kinos, wenn sie nicht ganz unzeitgemäß sind, wimmeln von Zuschauern, die Badeorte von Sommerfrischlern. Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.“

(Quelle: „Der Aufstand der Massen“ von José Ortega y Gasset)

Es würde zu weit führen hier weiter zu zitieren, sollte es doch nur ein geistiges Appetithäppchen sein. Jedenfalls lohnt sich die Lektüre dieser Bücher, auch wenn z. B. das. aus dem ich gerade zitierte, schon 1930 (!) erschienen ist – unglaublich!
Was Ortega y Gasset wohl zu den heutigen Massen mit ihren iPhones gesagt hätte?!

DIE LEHRE DER EHRFURCHT VOR DEM LEBEN

„Das, was wir nach einem dem Griechischen entlehnten Wort Ethik und nach einem dem Lateinischen entnommenen Moral nennen, besteht ganz allgemein in dem rechten menschlichen Verhalten. Nicht nur unser eigenes, sondern auch der anderen Wohl, wie auch das der menschlichen Gesellschaft, hat uns zu beschäftigen. [Anm.: Ich persönlich würde es noch darüber hinaus erweitern!]
Der erste Fortschritt in der Entwicklung der Ethik wird erreicht, wenn der Kreis der Solidarität mit anderen Menschen sich erweitert. Für den Primitiven hat die Solidarität enggezogene Grenzen. Sie beschränkt sich auf seine Blutsverwandten im weiteren Sinne, das heißt auf die Mitglieder seines Stammes, die für ihn die Familie im Großen repräsentieren. Ich spreche aus Erfahrung. In meinem Spital habe ich solche Primitiven. Wenn ich einem nicht bettlägerigen Patienten aus dieser Gruppe kleine Dienste für einen Kranken auftrage, der das Bett hüten muss, wird er es nur tun, wenn dieser desgleichen Stammes ist wie er. Ist dies nicht der Fall, wird er mir treuherzig antworten: ‚Dieser ist nicht Bruder von mir‘. Weder durch Belohnung noch durch Drohung wird er sich bewogen fühlen, diesem Fremden einen Dienst zu leisten.“

(Quelle: „Die Lehre der Ehrfurcht vor dem Leben“ von Albert Schweitzer)

intelligenz„Unsere“ christliche Ethik will jedoch mehr, soll sie doch in ihrer Solidarität über den Clan hinaus gehen – was in 2000 Jahren nur sehr bedingt, d. h. in Einzelfällen und kleinen Gruppen funktioniert hat und in der heutigen hedonistischen Gesellschaft der Unverbindlichkeit weiter im Schrumpfen sein dürfte. Vielleicht ist ja auch die Einstellung des sog. „Primitiven“ die natürliche Empfindung – soll eine Ethik nicht in erster Linie aus unserem Gefühl gespeist werden? Jetzt haben wir das Gefühl der Überfüllung, wie es Ortega y Gasset beschrieb, immerhin hat sich seit damals die Menschheit zahlenmäßig mehr als verdoppelt! Jetzt schwappt an den Kanten Europas immer mehr Elend aus anderen Kontinenten nach Europa hinein und nur ein Teil dieser Völker Europas fühlt sich hier ethisch verpflichtet sich dieser Elenden anzunehmen – sie gehören nicht zu meinem Volk, nicht zu Europas Kultur & Denken, nicht zu meinem Clan. Verständlich, auch Europa ist voller „Primitiver“, ursprünglich fühlender Menschen die sich mit einer konstruierten Ethik nicht solidarisieren können. Deshalb werden die nationalistischen Parteien weiter auf dem Vor- und Durchmarsch sein in Europa, Wilder und Marin le Pen u. U. die anstehenden Wahlen gewinnen und ihrerseits dafür sorgen das das EU-Europa immer mehr zum Auslaufmodell wird, dem Untergang geweiht!

Ich prophezeie uns jedenfalls für die nächsten Jahre große gesellschaftliche Turbulenzen und, mit großem Pech: einen Krieg – auch wenn der vielleicht hauptsächlich in Asien stattfinden sollte…?!
Aber der Prophet galt noch nie etwas im eigenen Land und ich erwarte auch nichts, die Zeit wird zeigen was sie für uns bereit hält und vielleicht sollten wir die Gedenken an die Zukunft deshalb einfach ausblenden? – wenn wir es können, d. h. zuerst müssen wir es versuchen. Wie heißt doch eines der Kapitel im Dada Lama-Buch: „Im Augenblick ankommen“. Darin besteht wirklich die größte Kunst.

Ich grüße also Dich und alle anderen Freunde, Feinde, Zeitgenossen und verbleibe in alter Frische

 
9a500-frank2herzlichst

yours frankly

Frank

 

[ahbblogger] Kurzes (telegrafisches) Update zum Sinnbuch:
Korrektorat läuft, warten auf Vorwort.

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