Sinnfindung und Selbstbetrug

birdhorse2Niemand betrügt uns gemeinhin so gut, wie wir uns selbst. Diese Form des Selbstbetruges hat vielerlei Gesichter und immer den uneingestandenen inneren Wunsch zur Unwahrhaftigkeit, d. h. sich selbst zu belügen – oder sich, als Teil des Selbstbetruges, belügen zu lassen!

Auch und gerade bei der Sinnfindung verhält es sich häufig so. Bin ich doch selbst derjenige, der bereit ist zu glauben und notfalls seinen Verstand dabei auszuschalten. Wie ich schon früher schrieb, ist diese Art des Glaubens ein Wunschdenken, glaube ich doch nur, was ich glauben will. Der Glaube selbst entspringt mehr unserem Gefühl und paart sich dann mit unserem Willen: Ich will das glauben und das „Unglaubwürdige“ dagegen nicht! Es kann aber auch sein, dass wir in gewissen Fällen die ganze Wahrheit nicht in der Lage sind zu verkraften und deshalb die Lüge in Form dieses irrationalen Wunschdenkens als Notbehelf wählen. Wer meint keine Wahl zu haben, hat subjektiv keine Wahl. Anders der Übermensch, wie ihn Nietzsche als Idee in die Welt setzte. Er ist die Projektion eines gottgleichen Menschen, eines Menschen ohne Über-Ich nach der freudschen Psychologie. Da wir uns noch heute in Europa auf unser jüdisch-christliches Erbe berufen, sei hier das 1. Gebot aus dem Dekalog zitiert: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.“

oldmen2Mit anderen Worten hat Gott kein Über-Ich, ist ER doch unser Über-Ich und der Übermensch bedarf deshalb auch keines Über-Ichs mehr. Der Übermensch bedarf keines projizierten göttlichen Sinnes außerhalb seines Selbst. Er sollte deshalb auch in der Lage sein ohne Lüge und Selbstbetrug zu leben. Eine solche Lebensform führt jedoch zur Vereinzelung, zur Einsamkeit, in der ich am ehesten ich selbst sein kann, muss ich es doch niemanden recht machen! Diese Alleinsamkeit ist letztlich Teil unserer conditio humana, komme ich doch allein auf diese Welt und werde sie auch allein wieder verlassen. Zwischen diesen biografischen Eckpfeillern meines Daseins bin ich in meiner Person ge- und befangen. Aus der Erkenntnis meiner körperlichen und geistigen Separiertheit (Vereinzelung) entwickle ich das Bedürfnis diese mittels Freundschaft und Liebe zu überwinden – was Teil meiner Sinnfindung ist! Es ist letztlich der Versuch zwei radikale Einsamkeiten, wie es der spanische Philosoph José Ortega y Gasset nannte, miteinander zu verschmelzen – wie bei einem Orgasmus, den beide Partner gleichzeitig erleben. Nicht umsonst wird ein Orgasmus im Französischen als „La petite mort“, als „kleiner Tod“, bezeichnet. Durch diesen gemeinsam erlebten Orgasmus und kleinen Tod erlöse ich mich für den Bruchteil einer Ewigkeit von meiner persönlichen Problematik, meiner seelischen und körperlichen Be- und Gefangenheit. Aber alle sexuellen Versuche auf diese Art und Weise unserer Grundproblematik zu entfliehen oder gar diese zu überwinden, werden schlussendlich unbefriedigend bleiben. Gäbe es zwischen Mann und Frau, also heterosexuellen Menschen, keinen Geschlechtstrieb, so wäre unser Interesse am anderen Geschlecht nicht sehr stark und viele Missverständnisse würden überhaupt nicht erst entstehen können. Wir suchen im anderen Geschlecht ein Verständnis unseres Selbst und stoßen dabei nur auf die eigenen Grenzen und die des anderen. Wirkliche Geschlechterverständigung ist ein frustrierendes Geschäft und bringt in der Regel wenig bis nichts ein – von einigen Verliebtheitsphasen einmal abgesehen, die ein Psychiater mit Recht als zeitweilige Geisteskrankheit bezeichnete. Aber hier werden viele empört aufspringen und rufen wie unromantisch eine solche, wenn auch realistische Betrachtungsweise, doch ist. Ich pflichte diesen Menschen gern bei, dass hier der Selbstbetrug doch viel schöner ist als die nackte Wirklichkeit. Außerdem beherrschen unsere Hormone unser Sein und lassen uns kaum eine Wahl – auch Philosophen und Psychiatern nicht! Unser Wille scheint also wirklich nach den neuesten Erkenntnissen der Hirnforschung nur eine Illusion zu sein, auf der unsere Willensfreiheit fußt. Unterm Strich ist es die Natur und natürlich „unsere Natur“, die uns hier beherrscht und alle wichtigen Weichenstellungen vornimmt.
3affenbuntJedwede Sinnfindung sollte also auch aus diesem Sichtwinkel betrachtet werden. Ist also ein Übermensch [zu sein] überhaupt möglich und wenn ja, wofür wäre dieser gut? Der Übermensch als Selbstzweck seines Selbst? Wie hatte ich doch diesen Essay übertitelt? Sinnfindung und Selbstbetrug, genau! Wer will schon sein mehr oder weniger selbst entwickeltes Wertesystem als etwaigen Selbstbetrug entlarven?! Da lobe ich mir Jacob, den selbstlosen Lügner, der es vermochte mittels der Lüge Hoffnung (Sinn) zu verbreiten. Ist doch das Leben ohne einen Sinn ohne Hoffnung, und nur ein Nihilist vermag zu verstehen, was dies tatsächlich heißt. Sinn ist und bleibt etwas, was wir wie unseren Augapfel hüten müssen, egal ob es sich um Selbstbetrug handelt oder nicht – wir hatten letztlich keine Wahl, und die Wahrheit soll uns in ihrem nihilistischen Gewande gestohlen bleiben…

Damit möchte ich es jetzt ein für alle Mal bewenden lassen und dieses leidige Thema Sinnfindung ad acta legen. Ich wünsche noch ein sinnvolles Restleben mit vielen kleinen Toden,

dadalamaxxlherzlichst

yours frankly

Frank – 7. Dada-Lama – „Dada est ergo sum“

Post Skriptum von Alex (ahbblogger):
Es wird im Laufe der nächsten Tage/Woche dazu einen Blogpost von mir geben. „Frank & Myself“ haben uns entschlossen jetzt „durchzustarten“, um das Buchprojekt voranzutreiben. Wer also noch etwas vor diesem (noch undefinierten Datum) beitragen möchte, der komme doch bitte direkt auf uns zu, egal über welches Medium [-> Das Buchprojekt – Die Anfänge].
Eines kann bereits verraten werden: Wir werden jene Plattform nur noch beiläufig mit Einträgen (von uns) befüllen. Auch in den 3 großen „W‘s“, die die Welt auf technokratische Weise verbindet, gibt es Möglichkeiten, um aus der Stille und Abgeschiedenheit heraus etwas hervorzubringen.

 

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Ein Gedanke zu “Sinnfindung und Selbstbetrug

  1. Schlussbemerkung: Hans Henny Jahnn, einer der für mich interessantesten dt. Schriftsteller, für den die Natur der einzige, der entscheidende Bezugspunkt war, schrieb 1953 über den Menschen: »Der Mensch wird nicht als bekannt vorausgesetzt. Man kennt ihn nicht. Er ist nicht gut. Er ist nicht schlecht. Er ist nichts von dem, was er sich selbst nachsagt. Die Gerüchte über ihn sind falsch. Er ist das Gefäß von Instinkten oder der Schauplatz von Ereignissen, die ohne ihn nicht sein würden. Auch Gott, sein Gott, wird nicht als bekannt vorausgesetzt. [] Man nimmt die Schöpfung wahr, die vielgestaltig ist; das Sichtbare und das Unsichtbare, die Zeit. Und mitten im Gestalteten und im Ablauf den Schmerz, die Folgen von Fressen und Gefressenwerden, den furchtbaren Schrei des Schmerzes aller Kreatur.« Im Zeitalter des Antropozaens*, also jenes Ungleichgewichtes zwischen allgemeiner Schöpfung & Menschheit als Maß aller Dinge (Selbstüberschätzung) gilt es Natur zu bewahren, Arten vor der Auslöschung zu bewahren für die „Zeit danach“! Sie wird kommen, sagte doch schon mein alter Geschichtslehrer etwas sehr einfältiges: „Nach einer Zeit der Blüte kommt eine Zeit des Niedergangs!“ Diesen menschlichen Niedergang wird die Natur nutzen und wieder für eine gesunde Balance sorgen…

    * https://de.wikipedia.org/wiki/Anthropoz%C3%A4n

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