Warum stellt sich einem Teil der Menschheit die Sinnfrage?

Das Tier scheint die Sinnfrage nicht zu kennen. In der Entwicklung der Menschheit gibt es quasi auch eine Entwicklungsgeschichte der Sinnfrage. Beim Steinzeitmenschen dürfte sich die Sinnfrage noch kaum gestellt haben und sie hat in den letzten Jahrhunderten und Jahrzehnten auch durch neue wissenschaftliche Welterklärungserkenntnisse zugenommen. Solange die katholische Kirche in Europa und den überseeischen Kolonien das Weltbild stellte und die alleinige Deutungshoheit besaß, war eigenständiges Denken ein gefährliches Geschäft. Als sich dann die Erde vorstellungsmäßig nicht mehr um die Sonne drehte und die Aufklärung und das darauf entstandene wissenschaftliche Weltbild eine neue Freiheit des Denkens vielen Menschen eröffnete, stellte sich verstärkt und völlig neu die Sinnfrage. Die Sinnfrage weist hierbei auf das spezifisch Menschliche hin – auf das Verlangen des Menschen, sein Leben zu verstehen und es als Person nach eigenen Werten gestalten zu können. Wären wir nur triebhafte Wesen würde sich uns die Frage nach der Sinnhaftigkeit nicht stellen. Dann hätte alles seine Ordnung und diente allein dem Zweck der Bedürfnisbefriedigung und darüber hinaus einem dekadenten Hedonismus – gemessen an der gigantischen Weltbevölkerungszahl des angebrochenen 21. Jahrhunderts verwundert mich die gefühlte Geistferne des größten Teils der Menschheit nicht. Sollte das unter Umständen auch mit der überwiegenden Armut und dem damit verbundenen harten Existenzkampf der Menschheit zu tun haben?

AbsurdAls geistiges Wesen, als „zoon logon echon“ wie ihn Aristoteles nannte, will der Mensch die Zusammenhänge fühlen, spüren, ahnen oder wissen, in denen seine Erlebnisse, sein Dasein und schließlich sein Sterben verstehbar werden. Wir brauchen die Beziehung zu einem größeren Zusammenhang, um unseren Lebenswillen zu stützen, um uns inmitten der Abgründigkeit der täglichen Negativnachrichten dieser absurd erscheinenden Welt eine Ahnung von Geborgenheit zu verschaffen und die Anstrengung, die Mühe und das Leid, das mit dem Leben eben auch einhergeht, mit Erfüllung und (zumindest gelegentlichem) Glück aufzuwiegen. Doch kann dieser Bezug zu einem größeren Zusammenhang immer wieder verloren gehen in der Geschäftigkeit des Alltags an sich schon kranker westlicher Gesellschaften, in Krisen oder bei schon fast vorprogrammierten seelischen Störungen – allen voran in der Sinnlosigkeit einer Depression. Sinnfindung kann dann als unlösbares Problem empfunden werden und bedarf dann der spezifischen Hilfestellung, die in Anbetracht der stetig anwachsenden Zahl der Hilfesuchenden kaum zeitnahe Gesprächs- und Therapietermine frei hat und die Betroffenen nur freigebig mit Psychopharmaka versorgt. Wer jedoch in einem der armen Länder auf unserem Planeten lebt wird so stark mit dem Überlebenskampf beschäftigt sein, dass ihm oder ihr kaum Zeit und Energie verbleibt sich mit einer hypothetischen Sinnfrage zu beschäftigen. So gesehen ist die Beschäftigung mit der Sinnfrage vielleicht ein reines Privileg reicher und gebildeter Gesellschaften. Mich würden wissenschaftliche Untersuchungen zu diesem Thema sehr interessieren, so es sie gibt. Ansonsten dürfte in ärmeren und deshalb meist auch ungebildeteren Ländern die lokale Religion das sinnstiftende Welterklärungsmodell liefern, nachdem es die Menschen dort traditionell verlangt. Man lebt dort noch in einer Art Vormoderne, teils in traditionellen Stammesgesellschaften, wo der Begriff der Aufklärung völlig unbekannt ist.

AntheaCollageSo zentral und spezifisch menschlich die Sinnfrage auch ist – sie ist menschheitsgeschichtlich eine der späten großen Fragen. Und in dieser brennend-verzweifelten Form ist sie überhaupt erst für die Neuzeit bzw. für die letzten 150-200 Jahre charakteristisch. In einer mystischen Welt ist der Mensch in einer Ordnung aufgehoben, d. h. in der geregelten Wiederkehr des Gleichen, in der vorab festgelegten Wiederholung des Bewährten, Tragenden, Lebenserhaltenden stellt sich die Sinnfrage nicht. Die mythische Welt läuft nicht in Gefahr, aus den Fugen zu geraten. In ihr durchwaltet der „Logos“ den „Kosmos“ und bezwingt das „Chaos“. Und in der jüdisch-christlichen Welt ist der Sinn gebündelt in der Erwartung des Messias und dann, nach der Erlösung, in der Wiederkehr des Erlösers (frühchristlich) bzw. in der Ausrichtung auf Gott, in dem alles aufgehoben ist und durch den alles Sinn hat.

Das erste Ringen um ein Verstehen der Geschicke des menschlichen Daseins findet sich im Abendland in der Entdeckung der Tragik durch die Griechen. Die Uneinigkeit der Götter konnte das Ordnungsgefüge der Welt zerstören, wodurch der Mensch vor unlösbare und ausweglose Situationen gestellt wurde. Später, im säkularisierten Weltverständnis und in der Folge der Entwicklung der Naturwissenschaft und Technik, gesteigert durch das Zerbrechen der geschichtlichen Ordnung durch Vernichtungskriege und Rassismus, wo kein Walten der Vernunft (Kant) in der Geschichte guten Gewissens noch gefunden wird, erhebt sich die Frage in ihrer ganzen Radikalität: Läuft das menschliche Sein auf etwas Gutes hinaus? Gibt es eine Ordnung, die alles zusammenhält, oder herrscht das Walten des blinden Zufalls, als dessen Spielball unsere eigene Existenz ihren Sinn verliert?

Das späte Aufbrechen der Sinnproblematik in der Geistesgeschichte spiegelt sich auch in der Begriffsgeschichte des Wortes „Sinn“. In seiner eigentlichen Bedeutung ist „Sinn“ gleichzusetzen mit Richtung (noch erhalten im Begriff „Uhrzeigersinn“), bedeutete im Althochdeutschen „Gang, Reise, Weg“. Das Wort stammt aus der indogermanischen Wurzel „sent-“, deren ursprüngliche Bedeutung wohl „eine Richtung nehmen, eine Fährte suchen“ war (Duden Herkunftswörterbuch). Diese Bedeutung von Sinn entwickelte sich im stammverwandten Lateinischen weiter zum „Fühlen“: „sentire“ – wahrnehmen, fühlen, meinen, dafürhalten. Während im Althochdeutschen zu der ursprünglichen Bedeutung „Gang“ noch ein Bezug zu Wahrnehmung und Verstand kam, blieb das Neuhochdeutsche „sinnan“ noch immer beim „reisen“. Weshalb mir mein Romantitel „Zen und die Kunst des Reisens“ in einem neuen (Erleuchtungs-) Licht einer quasi Sinnfindungsreise erscheint – die noch lange nicht beendet ist…

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Mit herzlichem Gruß

yours frankly

Frank

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