Fortsetzung: Warum stellt sich dem Menschen die Sinnfrage?

Gaza2Wieder sind zwei Tage vergangen seitdem ich den ersten Teil dieses Kapitels geschrieben habe. Heute ist ein diesiger Sonntagmorgen mit friedlichem Vogelgezwitscher. Wenn ich aus meinem Fenster schaue in Richtung Teufelsmauer, so sehe ich nur im Frühnebel stehende üppig belaubte Bäume. Ich bin gut ausgeruht und voller Energie. Machen wir uns also ans gedankliche Werk mit Elan und viel Konzentration. Natürlich habe ich mir schon vorher viele Gedanken gemacht, versucht die komplizierten Zusammenhänge in meinem Kopf zu ordnen und für mich zu formulieren. Deshalb halte ich es für sinnvoll ganz am Anfang anzusetzen, quasi mit der Geburt – und sollten wir (Du & ich) bei der Zeugung ansetzen?

SeelenverkäuferZwar sagt der englische Psychiater Ronald D. Laing das es einen fundamentalen Unterschied macht, ob ein Kind aus Liebe, Zufall oder gar durch eine Vergewaltigung entstanden ist. Aber dieses pränatale Gebiet ist mir zu spekulativ, deshalb scheint es mir weiterhin zweckmäßig mit der Geburt und den ersten drei Lebensjahren des Kindes einzusetzen. In diesen ersten drei Lebensjahren muß sich das Urvertrauen des Kindes optimal entwickeln können um die Voraussetzung für sein später im Leben zu bauendes Haus zu gewährleisten. Die ersten drei Lebensjahre bilden quasi sein Fundament und wenn dieses nichts taugt, u. U. existentielle „Risse“ im Urvertrauen zeigt, ist meist die spätere Katastrophe vorgezeichnet. Ungefähr mit Vollendung des dritten Lebensjahres fängt das Kind sich nicht mehr als Teil der Mutter zu empfinden und fängt auch sprachlich an sich als abgegrenzte Person zu bezeichnen. Sprach das Kleinkind vorher in der dritten Person von sich, indem es sagte: „Peter will“, so spricht es danach in der ersten Person singular: „Ich will!“ Damit fängt unsere Vereinzelung, unser Abgegrenztsein vom Rest der Welt an und wird später, in Erkenntnis meiner kompletten Vereinzelung, in ein Gefühl extremer Einsamkeit einmünden. Ich wurde allein geboren und werde allein sterben, dazwischen liegt diese seltsame Zeit genannt Leben, mit dem ich irgend etwas sinnvolles anfangen soll! Aber was nur? Soll ich auf die anderen hören, mich ihren Zielen anschließen oder mir ein eigenes Ziel suchen? Wie sich ein Mensch hier entscheiden wird ist eine Frage seiner äußeren Bedingungen und seiner Sozialisation und Veranlagung. Trotz aller Lebensplanung würde ich immer noch behaupten: Glückssache! Aber ich wil mich nicht verzetteln, zurück zu Peter, der ein gutes Urvertrauen entwicklet hat und jetzt von sich in der ersten Person singular spricht. Die Jahre vergehen, Peter hat die Schule und die Uni absolviert und plant eine Familie zu gründen. Dafür sucht er die richtige Frau. Er möchte mit ihr seine Vereinzelung, seine häufig gefühlte Eisamkeit überwinden, und eines Tages trifft er sie. Sie ist eine wunderschöne junge Frau, intelligent und scheint tatsächlich genau die Richtige zu sein. Erst später wird er mit ihrer krankhaften Eifersucht konfrontiert, ihrer Unfähigkeit ihm und dem Rest der Welt zu vertrauen. Ohne dieses (Ur-) Vertrauen ist Liebe und Vermelzung mit einem anderen Menschen im Akt der Liebe unmöglich und kulminiert bei diesem Menschen nur in einem krankhaftem Sexualverhalten. Peter weiß sich nicht zu helfen und versteht seine Frau nicht, die alles zerstört, ihn und ihre Beziehung. Für sie ist alles sinnlos und zum Schluss nimmt sie sich das Leben. Später erfährt Peter noch das seine verstorbene Frau als Kind sexuell missbraucht wurde und er trägt all die Last des Verlustes und seines Scheiterns. Wird er eines Tages mit einer anderen Frau glücklich werden?

(mein momentaner Lieblingssong)

franklSolch tragische Geschichten gibt es unzählige, leider. Das gibt mir die Gelegenheit hier nochmals den Namen eines wunderbaren Menschen und humanistischen Psychiater einfließen zu lassen: Viktor E. Frankl (1905–1997). Dieser Wiener Psychiater wird der sog. dritten Wiener Schule zugerechnet und Frankl ist der Begründer der Logotherapie (vom griech. logós „Sinn, Gehalt“). Davon dann später mehr, erwähnenswert ist jedoch das Frankl von 1933 bis 1937 den sog. „Selbstmörderinnenpavillon“ im Psychiatrischen Krankenhaus zu Wien leitete. Dort betreute er als Oberarzt jährlich bis zu 3000 selbstmordgefährdete Frauen. Bei mir hat sich häufig der Eindruck aufgedrängt: Sinnleere und Selbstmord sind ein Charakteristikum des sog. „modernen Menschen“ in der Industriegesellschaft, in der hedonistischer Konsum und Materialismus den Menschen seelisch verkrüppeln. Frankls bekanntestes Buch ist „Man’s Search for Meaning“ (1946). Es wurde über eine Million Mal verkauft – der deutsche Titel lautet: „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ und ich kann es hier nur wärmstens empfehlen.

9a500-frank2Mit herzlichem Gruß

yours frankly

Frank

Advertisements

Ein Gedanke zu “Fortsetzung: Warum stellt sich dem Menschen die Sinnfrage?

  1. Jawohl! Mein Kommentar beim Teil 1 war tatsächlich zu früheilig.
    Zwar interessiert mich persönlich die angesprochene spekulative Sache (nach Laing) ungemein (ist mein ‚Steckenpferdansatz‘) – Merke für mich: Autor ‚googeln‘ -, doch abgesehen davon ist der Ansatz absolut richtig; ebenso die geschickte Wendung in der ‚Peter-Erzählung‘ kann es einen antun. Besonders bemerkenswert ist der drittletzte Satz, den ich gerne noch mal zitiere, denn er schließt die Gedanken gut ein:

    „Bei mir hat sich häufig der Eindruck aufgedrängt: Sinnleere und Selbstmord sind ein Charakteristikum des sog. ‚modernen Menschen‘ in der Industriegesellschaft, in der hedonistischer Konsum und Materialismus den Menschen seelisch verkrüppeln.“

    Und an jener Stelle drängt sich ja quasi das ‚pränatale Gebiet‘ auf. 😎

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s