Schriftwechsel mit Laura

Lautrau2Liebe Laura, Du weiblicher Rolling Stone,

scheinst mal wieder on the road zu sein. Ich halte hier dagegen im heute sehr sonnigen und sonntäglichen Harz die Stellung – ohne mich auf verlorenem Posten zu fühlen. Diese sonntägliche Ruhe und Harmonie will ich jetzt u. a. dafür nutzen Dir auf Deine Mails zu antworten. Die Struktur des (meines) Buches in spe ist mir momentan nicht wichtig, d. h. sie ergibt sich aus dem Schreibprozess und kann ggf. später nachgebessert werden. Auch finde ich es schade das immer technische Aspekte überbewertet werden und niemand bis dato inhaltlich auf das einging, worum es mir tatsächlich in diesem Buchprojekt geht: Die psychologisch, politisch und philosophischen Aspekte unseres zivilisierten, also denaturierten Lebens, in Bezug auf die eigene Sinnfrage und deren Lösung. Ein guter Hamburger Freund schrieb mir z. B. dies:

„Lieber Frank,

die Endlösung der Sinnfrage – das nenne ich mal ein ambitioniertes Projekt. Ich würde vorschlagen, daß Du bzw. Ihr erstmal ein paar Monate in der Staatsbibliothek verbringt oder in der Unibibliothek in Göttingen. Natürlich ist das Selbstdenken auch ein Ansatz.. Ich erinnere mich, daß ich Dir in einer Mail auf die Frage nach dem Sinn des Lebens geantwortet habe. Wenn ich mich recht entsinne, stelltest Du die Frage explizit – und nicht nur mir; war das auch in Deinem alten Blog? Jedenfalls: trifft man auf den je eigenen Lebenssinn, wenn die Sinnfrage verschwindet. Damit hätte man ja immerhin schon einen Anhaltspunkt dafür, wo man dem Sinn auf der Spur ist, wenn auch ex negativo.“

FREEJustBePermanent wird man missverstanden, scheint mir, oder redet offensichtlich an konzentrationsgestörten Zeitgenossen vorbei – was ich u. a. der ganzen Digitalisierung hier in Deutschland und großen Teilen der Welt anlaste. Oberflächlichkeit gehört wie in den USA zum „guten“ Ton: How are you today? – Nobody actually wants to know… Aber um Smalltalk geht es mir nicht und auch nicht um eine akademische Abhandlung geschichtsphilosophischer Art, wie sie mir mein Hamburger Freund empfahl – halt die üblichen Missverständnisse! Wie räumen wir die aus dem Weg, hast Du einen Vorschlag?

Wie sieht es bei Dir mit der „Endlösung der Sinnfrage“ aus? Hast Du schon eine Lösung, d. h. die ErLÖSUNG gefunden? Wohl eher nicht, so mein Eindruck, wenn ich dich so als rollenden Stein in Zeit & Raum sehe, so bist Du doch weiterhin eine Suchende, oder ist mein Eindruck falsch?!

In den frühen Morgenstunden dieses Sonntags las ich in einem Essay eines sehr geschätzten Geistes, der dieses Planeten leider schon vor längerer Zeit verlassen hat: Erwin Chargaff – ich wohnte Mitte der 80er Jahre am Central Park West in seiner unmittelbaren Nachbarschaft ohne es damals zu ahnen, sonst hätte ich ihn besucht und er mich sicher empfangen…

Immerhin fühle ich mich geistesverwandt mit ihm und hier ein Zitat aus seinem Essay „Kannibal ante portas!“:

„Wir leben in wahnsinnigen Zeiten. Die Warnung meines Titels kommt zu spät, die Menschenfresser stehen nicht mehr vor den Toren, sie sind in die Stadt eingedrungen und haben die Wirklichkeit abgeschafft. Diese ist ersetzt worden durch etwas, was sie virtual reality nennen, am ehesten übersetzbar durch ‚potentielle‘ oder ‚abrufbare‘ Wirklichkeit. Das Ganze stammt aus dem Schwulstgehirn der Sience-fiction, dort wo der ‚Cyberspace‘ durch die ‚Atavars‘ bevölkert wird. Daß sich viele Hunderttausende durch diesen ‚Unrat‘ das Gehirn verkleben ließen, wird spätere Generationen, falls sie doch noch leben können, mit Staunen erfüllen*. Die Schamanisierung des Computers wird allerdings wahrscheinlich dafür sorgen, daß die kommenden Generationen noch viel dümmer sein werden, unfähig zu menschlichem Staunen.

Daß der Computer mit seinen windeseilig schnellen binären Hopsern sich an die Stelle menschlichen Denkens gesetzt hat, Unzähligen den Ausblick auf Dynamik und Dialektik geistiger Bewegung verstellend, sollte uns nicht verwundern, ist er doch die vorläufige Krönung einer mehrere Jahrhunderte währenden Attacke auf alles, was den Menschen ausmacht. Der Einwand, daß was hier gesagt ist, sich höchstens auf die Technik beziehen könne und nicht auf die Naturwissenschaft und die Naturforschung, ist nicht stichhaltig. Ie Unterscheidung zwischen Wissenschaft und Technik mag für das 17. und 18. Jahrhundert gültig gewesen sein, sicherlich nicht für spätere Epochen. Ich habe jedoch das heimliche Gefühl, daß selbst in der Zeit des Galilei und Newton der Keim zukünftiger Sakrilegien bereits vorhanden war. Man mag schließen, daß ich wenig Sympathie empfinde für den dem Menschen angeblich innewohnenden faustischen Drang.“

Erwin Chargaff, Professor Dr. phil. (* 11. August 1905 in Czernowitz, Bukowina, Österreich-Ungarn; † 20. Juni 2002 in New York) war ein österreichisch-amerikanischer Chemiker und Schriftsteller. Als Wissenschaftler lieferte Chargaff wichtige Beiträge zur Entschlüsselung der DNA-Struktur. Nach seiner Emeritierung 1974 machte er sich mit stilistisch geschliffenen, kritischen Essays einen Namen.

Im Juni 2002 stieß ich „zufällig“ in Czernowitz auf sein Geburtshaus, an dem sich eine diesbezügliche Hinweistafel befindet. Die frühere und letzte Anschrift dieses großartigen Geistes lautete 350 Central Park West, New York, N. Y. 10025 USA.

https://www.youtube.com/embed/SvcJJ3TsvNI?rel=0

FightBack* wäre es nicht schön sich einen weisen Geist des 22. Jahrhunderts in einem Interview vorzustellen, wie dieser Mensch der Zukunft auf die in den Essays von Chargaff formulierten Gedanken eingeht und u. U. deren Richtigkeit verifiziert?! Aber geniale Menschen waren und sind immer ihrer Zeit voraus und werden nur selten zu Lebzeiten als solche über ihr Werk erkannt und auf den Schild der anerkannten Genialität gehoben. Manchmal kommt es auch erst post mortem oder häufiger wohl nie…

Aber ich möchte hier nicht bitter klingen, bin ich es doch nicht und nur durch eine gelungene Sinnerfüllung kann ich (können wir, Du & ich) positiv wirken. Deshalb zurück zum Ausgangspunkt: Der Sinnfindung! Nochmals empfehle ich hier dringendst „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm, da ganz wesentliche Aspekte des Lebens & Liebens, also der Sinnerfüllung & Sinnfindung darin ausgezeichnet und erschöpfend behandelt wurden – weshalb also das Rad erneut erfinden!

Hier noch abschließend ein kurzes Zitat aus diesem Buch:

„In einer primitiven Gesellschaft ist die Gruppe klein; sie besteht aus jenen Menschen, mit welchen man Blut und Boden gemeinsam hat. In dem Maße, wie sich die Kultur weiterentwickelt, vergrößert sich die Gruppe; sie wird zur Bürgerschaft einer polis, zu den Bürgern eines großen Staates, zu den Mitgliedern einer Kirche. Selbst der ärmste Römer war stolz darauf, von sich sagen zu können: ‚civis romanus sum‘. Rom und das Römische Reich waren seine Familie, sein Zuhause, seine Welt. Auch in unserer heutigen Gesellschaft des Westens ist die Gemeinschaft mit der Gruppe der am häufigsten eingeschlagene Weg, die Abgetrenntheit zu überwinden. Es ist eine Vereinigung, in der das individuelle Selbst weitgehend aufgeht und bei der man sich zum Ziel setzt, der Herde anzugehören. Wenn ich so bin wie alle anderen, wenn ich keine Gefühle oder Gedanken habe, die mich von ihnen unterscheiden, wenn ich mich der Gruppe in meinen Gewohnheiten, meiner Kleidung und meinen Ideen anpasse, dann bin ich gerettet – errettet vor der angsterregenden Erfahrung des Alleinseins. Diktatorische Systeme wenden Drohungen und Terror an, um diese Konformität zu erreichen, die demokratischen Staaten bedienen sich zu diesem Zweck der Suggestion und der Progaganda. Ein großer Unterschied besteht allerdings zwischen diesen beiden Systemen: In Demokratien ist Nicht-Konformität möglich und fehlt auch keineswegs völlig; in den totalitären Systemen kann man höchstens von ein paar aus dem Rahmen fallenden Helden und Märtyrern erwarten, daß sie den Gehorsam verweigern [oder, wie ein Georg Elser versuchte, einen ‚Hitler‘ (siehe Erdogan & Konsorten) zu ermorden um einen Krieg zu verhindern! Anmerkung von frankly Frank).

Aber trotz dieses Unterschiedes weisen auch die demokratischen Gesellschaften eine überaus starke Konformität auf. Das liegt daran, daß das Verlangen nach Vereinigung notwendig eine Antwort finden muß, und wenn sich keine andere oder bessere findet, so setzt sich die Herdenkonformität durch.“

Deshalb ist meiner Meinung nach eine ideale Gemeinschaft eine kleine und überschaubare Gemeinschaft, in der jeder jeden kennt und schätzt. Ohne gegenseitige Liebe und Respekt geht nichts und damit möchte ich für heute hier enden. Schön das Du bis hierher durchgehalten hast, liebe Laura und all die anderen bekannten und unbekannten Leser. Auch habe ich mir erlaubt das bewußte Bild, was Du erst jetzt als Deines erkannt hast, hier mit in diesen Blogbeitrag mit einzurücken…

Anyway, Deine Anonymität bleibt gewahrt und auf dem obigen Bild hast Du Dich ja selbst erst nach Monaten „erkannt“!

In diesem Sinne: Erkenne Dich selbst und erfülle Dich selbst mit Sinn!

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Herzlichst

yours frankly

Frank

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